Digital Native. Analoge Seele.
Ich arbeite fast ausschliesslich im digitalen Raum. Ich liebe neue Technologien, probiere gerne digitale Tools aus und finde es faszinierend, wie viel wir heute mit ein paar Klicks erledigen können.
Und trotzdem kaufe ich mir ein Buch für 80 Franken, obwohl ich es für mein Studium kostenlos als PDF lesen könnte.
Ich liebe gedruckte Magazine und Broschüren. Ich könnte stundenlang durch wunderschön gestaltete Coffee Table Books blättern. Und manchmal freue ich mich über einen gut gemachten Printkatalog mehr als über die neuste App.
Vielleicht bin ich innerlich einfach 70.
Don't judge a book by its cover. Ausser es ist hässlich.
Fangen wir mit den Büchern an.
Für mein Studium stehen uns zahlreiche Fachbücher digital zur Verfügung. Praktisch eigentlich. Man kann nach Begriffen suchen, Textstellen kopieren, alles auf dem Laptop speichern und muss keine schweren Bücher mit sich herumschleppen.
Und was mache ich? Ich kaufe sie mir trotzdem physisch.
Ich mag es, durch ein Buch zu blättern, Textstellen anzustreichen, Notizen an den Rand zu kritzeln und kleine Post-its hineinzukleben. Ich mag es, zu sehen, wie ein Buch mit der Zeit gebraucht aussieht. Wie Markierungen dazukommen, Seiten vielleicht etwas zerknittern und aus einem neuen Buch irgendwann mein Buch wird.
Ausserdem kann ich mich beim Lesen auf Papier viel besser konzentrieren. Bei einem PDF auf dem Laptop ist der nächste Browser-Tab immer nur einen Klick entfernt. Und plötzlich lese ich statt Konsumentenverhalten einen Artikel darüber, weshalb Flugzeuge eigentlich weiss sind.
Auch das ist interessant. Nur leider nicht prüfungsrelevant.
Und dann wäre da noch das Design.
Ich sage gerne «Don't judge a book by its cover». Aber seien wir ehrlich: Ein hässliches Cover ist halt einfach nicht cool.
Natürlich macht eine schöne Gestaltung den Inhalt nicht automatisch besser. Aber sie macht mir definitiv mehr Lust, mich damit zu beschäftigen.
Bücher, die eigentlich Möbelstücke sind
Besonders schlimm ist meine Schwäche für Coffee Table Books.
Das sind diese wunderschönen, oft viel zu grossen und viel zu schweren Bücher, die man dekorativ auf einen Tisch legt. Im Idealfall so, dass Besuch sie sieht und denkt: «Wow, was für ein kultivierter Mensch.»
Ich lese sie tatsächlich auch. Versprochen.
Besonders liebe ich Reisebücher. Der DK Verlag hat beispielsweise wunderschön gestaltete Bildbände, bei denen ich am liebsten gleich die gesamte Reihe kaufen würde.
Brauche ich einen Bildband über ein Land, das ich vielleicht erst in zehn Jahren bereise? Vermutlich nicht.
Will ich ihn trotzdem haben? Selbstverständlich.
Ich finde, solche Bücher haben etwas Besonderes. Man kann sie immer wieder hervornehmen, irgendwo aufschlagen, einen spannenden Artikel entdecken oder einfach die Gestaltung geniessen.
Und wenn man sie irgendwann nicht mehr aktiv liest, bleiben sie trotzdem Teil der Wohnung.
Dasselbe gilt für Magazine und Broschüren. Obwohl ich beruflich ständig mit digitalen Medien arbeite, freue ich mich über ein richtig schön gestaltetes Printprodukt. Gutes Papier, eine spannende Typografie, schöne Fotografien und eine durchdachte Gestaltung.
Vielleicht ist das ein bisschen Berufskrankheit. Vielleicht aber auch einfach die Freude daran, etwas tatsächlich in den Händen zu halten.
Dabei liebe ich Digitalisierung. Wirklich!
Bevor jetzt jemand denkt, ich würde demnächst meine E-Mails ausdrucken und mit der Post verschicken: Nein.
Ich bin ein grosser Fan der Digitalisierung.
Ich finde es grossartig, wenn Prozesse einfacher werden, Informationen jederzeit verfügbar sind und wir nicht für jeden administrativen Unsinn persönlich an einem Schalter erscheinen müssen.
Estland ist dafür ein spannendes Beispiel. Dort sind praktisch sämtliche staatlichen Dienstleistungen online verfügbar. Ich finde das genial.
Auch privat probiere ich neue Technologien gerne aus. Ich mag digitale Ökosysteme, Automatisierungen und all die kleinen Dinge, die unseren Alltag einfacher machen.
Ich bin also nicht gegen Digitalisierung. Ich bin nur nicht überzeugt, dass digital automatisch besser bedeutet.
Ein Formular muss nicht auf Papier existieren, wenn ich es in zwei Minuten online ausfüllen kann. Aber ein Buch muss für mich auch nicht auf einem Bildschirm erscheinen, nur weil das technisch möglich ist.
Vielleicht geht es gar nicht darum, ob etwas analog oder digital ist. Sondern darum, welches Medium für welchen Zweck am meisten Sinn ergibt.
Vielleicht vermisse ich einfach Dinge, die bleiben
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass mich an physischen Medien etwas anderes fasziniert als nur die Haptik.
Sie bleiben. Und sie verändern sich mit uns.
Ein Magazin kann ich zehn Jahre später wieder hervornehmen. Ein Buch erinnert mich mit seinen Markierungen daran, was ich damals wichtig fand. Ein Reisebildband kann mich an einen Ort zurückversetzen oder Lust auf ein neues Abenteuer machen.
Natürlich können digitale Inhalte das auch. Aber sie fühlen sich für mich anders an.
Ein Buch steht im Regal. Ein Artikel im Internet verschwindet irgendwann zwischen 47 offenen Tabs, die ich ganz bestimmt noch lesen werde.
Und dann ist da noch das Stöbern. In einem Buchladen, an einem Zeitschriftenkiosk oder einfach im eigenen Bücherregal. Man entdeckt Dinge, nach denen man gar nicht gesucht hat. Man bleibt an einer Fotografie hängen, liest eine Überschrift und blättert plötzlich zwanzig Minuten durch etwas, das man eigentlich nur kurz anschauen wollte.
Natürlich gibt es dafür auch digitale Empfehlungen. Nur fühlt es sich für mich anders an, ob ich selbst durch ein Buch blättere oder ein Algorithmus entscheidet, was ich als Nächstes sehen sollte.
Vielleicht mag ich gerade das: Dass analoge Dinge Platz brauchen. Dass ich sie bewusst zur Hand nehmen muss. Dass ich nicht endlos weiterscrollen kann, sondern irgendwann die letzte Seite erreiche.
Vielleicht zwingt mich das Analoge manchmal, mich etwas länger mit einer Sache auseinanderzusetzen.
Oder vielleicht rede ich mir das auch einfach ein, um meine nächste Buchbestellung zu rechtfertigen.
Nicht alles, was alt ist, muss weg
Vielleicht ist meine Vorliebe für Bücher, Magazine und gedruckte Medien also gar kein Widerspruch zu meiner Begeisterung für die Digitalisierung.
Ich glaube, wir dürfen beides mögen.
Wir können neue Technologien feiern und gleichzeitig alte Formate schätzen. Wir können Prozesse digitalisieren, ohne alles Physische ersetzen zu müssen. Und wir dürfen auch einmal etwas bewusst umständlicher machen, wenn uns genau das Freude bereitet.
Fortschritt bedeutet für mich nicht unbedingt, dass alles Alte verschwinden muss. Sondern dass wir neue Möglichkeiten dazubekommen und bewusster entscheiden können, welche wir nutzen möchten.
Nicht alles muss effizienter, schneller und digitaler werden. Manches darf auch einfach schön sein.
Ich werde also weiterhin meine Studienbücher kaufen, obwohl ich sie kostenlos herunterladen könnte. Ich werde weiterhin viel zu lange vor schön gestalteten Magazinen stehen bleiben. Und vermutlich werde ich irgendwann keinen Platz mehr für meine Coffee Table Books haben.
Dann muss ich wohl meine Wohnung vergrössern.
Oder ein Buch über Minimalismus kaufen.