Demokratie ist kein Selbstläufer. Aber muss sie so kompliziert sein?
Anfang Jahr habe ich einen Abend lang telefoniert. Nicht für einen Job, nicht für ein Projekt und auch nicht, um irgendwelche Krankenkassenprämien zu vergleichen. Sondern für unsere Demokratie.
Gemeinsam mit anderen Freiwilligen habe ich Menschen in der Stadt Bern angerufen und sie daran erinnert, dass am 29. März die kantonalen Grossrats- und Regierungsratswahlen anstehen.
Die Gespräche waren unterschiedlich. Manche hatten ihre Wahlzettel längst ausgefüllt, andere noch nicht einmal ihre Unterlagen erhalten. Einige Gespräche dauerten wenige Sekunden, andere mehrere Minuten. Was mir besonders geblieben ist: Viele Menschen freuten sich tatsächlich darüber, dass jemand anrief und sie ans Wählen erinnerte.
Das hat mich gefreut. Gleichzeitig hat es mich nachdenklich gemacht.
Eine Demokratie, an der nur ein Drittel teilnimmt?
Bei den Grossratswahlen im März 2026 lag die Wahlbeteiligung im Kanton Bern bei gerade einmal 34,3 Prozent. In der Stadt Bern waren es immerhin 42,3 Prozent.
Wir Schweizer:innen sind stolz auf unsere direkte Demokratie. Wir stimmen über Dinge ab, bei denen Menschen in anderen Ländern nicht einmal gefragt werden. Und doch nutzt bei vielen Urnengängen nicht einmal die Hälfte der Stimmberechtigten diese Möglichkeit.
Natürlich bedeutet das nicht, dass sich alle anderen grundsätzlich nicht für Politik interessieren. Viele Menschen stimmen regelmässig ab, andere nur bei Themen, die sie unmittelbar betreffen.
Trotzdem frage ich mich: Weshalb schaffen wir es nicht, mehr Menschen für politische Mitbestimmung zu gewinnen?
Liegt es am fehlenden Interesse? An der politischen Bildung? An der Komplexität unserer Vorlagen? Oder machen wir es den Menschen schlicht unnötig kompliziert?
Demokratie sollte nicht an einer Briefmarke scheitern
Ein Beispiel, das mich beschäftigt, ist die briefliche Stimmabgabe.
In der Stadt Bern müssen wir unsere Abstimmungscouverts selbst frankieren, wenn wir sie per Post zurückschicken möchten. Natürlich kann man sie kostenlos in einen städtischen Abstimmungsbriefkasten einwerfen. Aber mal ehrlich: Wer hat heute noch regelmässig Briefmarken zu Hause? Ich jedenfalls nicht. Mein letzter Briefmarkenbogen stammt aus 2022 (und die Preise haben sich ja mittlerweile verändert).
Die Stadt Bern wollte die Vorfrankierung eigentlich im Herbst 2026 einführen, hat das Vorhaben inzwischen aber aus finanziellen Gründen sistiert. Rund 200'000 Franken könnten damit jährlich eingespart werden.
Klingt zunächst nachvollziehbar. Doch was ist uns eine höhere demokratische Beteiligung wert?
Eine Studie der Universität Bern zeigt, dass vorfrankierte Abstimmungscouverts die Beteiligung erhöhen können. Natürlich wird niemand plötzlich zum politisch engagierten Menschen, nur weil auf dem Couvert eine Briefmarke klebt. Aber weshalb sollten wir überhaupt solche kleinen Hürden aufrechterhalten?
Und weshalb stimmen wir eigentlich noch nicht digital ab?
Wir erledigen unsere Bankgeschäfte auf dem Smartphone, unterschreiben Verträge digital und reichen unsere Steuererklärung online ein. Wobei sich Letzteres manchmal eher so anfühlt, als müsste ich ohne Pilotenausbildung einen Jumbojet landen. Aber immerhin: Es funktioniert digital.
Nur um über die Zukunft unseres Landes mitzubestimmen, hantieren wir weiterhin mit Papier, Couvert und Kugelschreiber. Fehlt eigentlich nur noch das Faxgerät.
Ich würde mir wünschen, dass E-Voting irgendwann in der ganzen Schweiz möglich wird.
Mit der Einführung der staatlichen E-ID entsteht eine neue Infrastruktur für sichere digitale Identitätsnachweise. Natürlich bedeutet eine E-ID nicht automatisch, dass damit auch elektronisch abgestimmt werden kann. Dafür braucht es eigene technische und rechtliche Lösungen, insbesondere zum Schutz des Stimmgeheimnisses und vor Manipulation.
Dass Sicherheit oberste Priorität haben muss, steht für mich ausser Frage. Schliesslich möchte ich nicht, dass meine Stimme plötzlich irgendwo in einem ausländischen Serverraum landet.
Trotzdem hoffe ich, dass wir mit der fortschreitenden Digitalisierung auch die Diskussion über eine flächendeckende elektronische Stimmabgabe verstärkt führen.
Ob dadurch tatsächlich mehr Menschen abstimmen würden, ist wissenschaftlich noch nicht abschliessend geklärt. Aber ich finde, wir sollten zumindest daran arbeiten, politische Rechte so unkompliziert wie möglich ausüben zu können.
Vielleicht hat unsere Demokratie aber auch einfach ein Marketingproblem
Dabei glaube ich nicht, dass wir die Stimmbeteiligung allein mit frankierten Couverts und digitalen Lösungen erhöhen können.
Denn eigentlich haben wir in der Schweiz bereits zahlreiche Möglichkeiten, uns über Wahlen und Abstimmungen zu informieren. Es gibt die offiziellen Abstimmungsunterlagen, Erklärvideos, die App VoteInfo oder Angebote wie easyvote, die politische Themen einfach und verständlich aufbereiten.
Das Problem ist aus meiner Sicht also nicht unbedingt, dass es zu wenige Informationen gibt. Sondern dass diese Informationen die Menschen oftmals gar nicht erreichen.
Und hier sehe ich ganz klar auch den Staat in der Verantwortung.
Es reicht meiner Meinung nach nicht, Informationen auf einer Website bereitzustellen und darauf zu hoffen, dass die Bevölkerung schon danach suchen wird. Wer sich ohnehin für Politik interessiert, findet die Informationen meistens selbst. Aber wie erreichen wir diejenigen, die sich bisher kaum damit beschäftigen?
Ich wünsche mir eine Demokratie, die sich ein bisschen mehr aufdrängt.
Unsere Smartphones erinnern uns daran, dass wir heute erst 3'000 Schritte gemacht haben, unsere Streamingdienste wollen wissen, ob wir noch da sind, und irgendwelche Onlineshops schicken uns drei E-Mails, weil wir einen Hoodie im Warenkorb vergessen haben.
Aber dass wir am nächsten Sonntag über die Zukunft unseres Landes abstimmen? Das geht im Alltag manchmal erstaunlich einfach unter.
Weshalb begegnen uns Abstimmungen nicht viel häufiger? Auf digitalen Werbeflächen, im öffentlichen Verkehr, auf Social Media oder dort, wo Menschen ihre Zeit verbringen? Weshalb kommunizieren wir politische Themen nicht selbstverständlicher mit kurzen Videos, einfachen Grafiken oder verständlichen Beispielen aus dem Alltag?
Und nein, damit meine ich nicht, dass der Staat den Menschen sagen soll, was sie wählen oder abstimmen müssen. Im Gegenteil. Die politische Meinungsbildung muss unabhängig bleiben.
Aber politische Neutralität muss doch nicht bedeuten, dass demokratische Information möglichst unauffällig sein soll.
Vielleicht müssten wir Demokratie einfach ein bisschen besser vermarkten. Und das sage ich nicht nur, weil ich im Marketing-Bereich arbeite.
Demokratie braucht mehr als einen Abstimmungssonntag
Ich finde, wenn wir wollen, dass sich mehr Menschen politisch beteiligen, müssen wir auch bereit sein, etwas dafür zu tun. Und zwar nicht nur vor besonders umstrittenen Abstimmungen.
Dazu gehört für mich, Hürden abzubauen, politische Bildung zu stärken und Informationen so aufzubereiten, dass sie verständlich und vor allem sichtbar sind.
Natürlich tragen wir als Stimmberechtigte selbst Verantwortung. Niemand kann uns das Interesse an Politik abnehmen. Aber ich finde es zu einfach, eine niedrige Stimmbeteiligung ausschliesslich als Desinteresse der Bevölkerung abzutun.
Mein Telefonabend vor den Grossratswahlen hat mir jedenfalls gezeigt, dass manchmal bereits ein persönliches Gespräch einen Unterschied machen kann. Ob wegen unserer Anrufe tatsächlich mehr Menschen gewählt haben, weiss ich nicht. Aber vielleicht haben wir jemanden daran erinnert, dass die eigene Stimme eben doch zählt.
Wir investieren viel in die Durchführung unserer Demokratie. Vielleicht sollten wir genauso viel darüber nachdenken, wie wir die Menschen dazu bringen, sie auch zu nutzen.
Denn Demokratie ist kein Selbstläufer. Und sie sollte auch nicht davon abhängen, ob jemand zufällig noch eine Briefmarke in der Schublade hat.
Wobei ich zugeben muss: Eine Briefmarke kaufen zu gehen, würde immerhin meine Schrittzahl verbessern.